Die Darm-Hirn-Achse – So beeinflussen Verdauungstrakt + Darmbakterien unser Denken

Die Darm-Hirn-Achse – So beeinflussen Verdauungstrakt + Darmbakterien unser Denken

Jeder kennt das: Wenn die Verdauung funktioniert, fühlen wir uns gut. Doch ein ausbalancierter Darm beeinflusst nicht nur unser körperliches Wohlbefinden – der Verdauungsapparat hat auch einen entscheidenden Effekt auf den mentalen Zustand eines Menschen. Den Zusammenhang bildet die sogenannte Darm-Hirn-Achse.

Inhalt:

  1. Das Gehirn im Darm
  2. Verdauung und Emotionen
  3. Bauch-Hirn und Kopf-Hirn
  4. Antidepressiva für die Verdauung?
  5. Die Bedeutung der Darmflora
  6. Die Macht der Bakterien
  7. Psychobiotika

1. Das Gehirn im Darm

Der Darm verfügt über ein eigenes Nervensystem: Das sogenannte enterische Nervensystem (ENS) ist ein Geflecht aus Millionen von Nervenzellen, das die Darmwand durchzieht. Das ENS ist vom zentralen Nervensystem (ZNS; Gehirn und Rückenmark) unabhängig – das bedeutet, dass die Verdauung abläuft, ohne, dass wir darüber nachdenken müssen.

Gehirn und Darm kommunizieren jedoch ständig miteinander: Der bloße Gedanke an Essen löst den Verdauungsprozess aus und lässt uns das Wasser im Munde zusammenlaufen. Umgekehrt signalisiert der Verdauungstrakt dem Gehirn, wenn wir genug gegessen haben und satt sind.

2. Verdauung und Emotionen

Wegen seiner riesigen Anzahl von Nervenzellen wird das ENS häufig auch als “zweites Gehirn” oder “Darm-Gehirn” bezeichnet. Der enge Zusammenhang zwischen ENS und ZNS spiegelt sich auch in unserem Sprachgebrauch wider, wenn wir etwa von unserem “Bauchgefühl” sprechen, “Schmetterlingen im Bauch” haben, oder uns “etwas auf den Magen schlägt”.

Und tatsächlich beeinflussen Emotionen unsere Verdauung: Stress, vermindert die Durchblutung und hemmt die Produktion von Verdauungssekreten. Dementsprechend verlieren wir bei Prüfungsangst den Appetit. 

3. Bauch-Hirn und Kopf-Hirn

Das ENS ist dem ZNS nicht unähnlich: Beide Systeme verfügen über dieselben Nervenzellen und nutzen dieselben Neurotransmitter. Während das “Glückshormon” Serotonin in unserem Gehirn beeinflusst, wie glücklich wir uns fühlen, reguliert es im Darm die rhythmischen Muskelkontraktionen, die den Nahrungsbrei durch unseren Darm befördern – die sogenannte Peristaltik.

Die Kommunikation zwischen Darm und Gehirn läuft über Nervenbahnen und Botenstoffe. Der Impuls kann dabei sowohl vom Gehirn als auch vom Darm ausgehen. Mentale Probleme können die Verdauung zum Rebellieren bringen und umgekehrt können Verdauungsschwierigkeiten die Psyche beeinflussen – das wird in der Forschung immer deutlicher.

4. Antidepressiva für die Verdauung?

Der enge Zusammenhang zwischen Bauch-Hirn und Kopf-Hirn macht es möglich, bestimmte Erkrankungen des Verdauungsapparates mit denselben Medikamenten zu behandeln, wie psychische Leiden. So können Reizdarm-Patienten beispielsweise von Antidepressiva profitieren, die den Serotoninspiegel anheben und damit nicht nur die Stimmung, sondern auch die Verdauung ankurbeln. 

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5. Die Bedeutung der Darmflora

Das ohnehin komplexe Zusammenspiel von Darm und Gehirn ist jedoch weit komplizierter. Unser Darm beherbergt Billionen von Bakterien. Die Gemeinschaft der Mikroorganismen – darunter auch Viren, Pilze und Hefen – nennt man die Darmflora oder das Mikrobiom.

Wer bei “Bakterien” automatisch an schädliche Krankheitserreger denkt, liegt falsch. Die Bakterien in unserem Darm sind lebenswichtig für uns. Sie unterstützen unsere Verdauung, aktivieren unser Immunsystem, extrahieren Makro- und Mikronährstoffe, produzieren Vitamine, Fettsäuren, Hormone und Neurotransmitter.

Das Mikrobiom besteht zu etwa 85% Prozent aus “guten” Darmbakterien. Unsere Umwelt, Ernährung, Medikamente (insbesondere Antibiotika) oder Stress beeinflussen, welche Bakterien unseren Darm besiedeln. Gerät das Verhältnis von “guten” und “schlechten” Bakterien aus dem Gleichgewicht, kann es zu Verdauungsbeschwerden oder Entzündungen der Darmschleimhaut kommen, die häufig weitere Krankheiten nach sich ziehen.

6. Die Macht der Bakterien

Bei der Frage, welchen Einfluss unsere Darmbakterien auf unser Gehirn haben, steht die Forschung noch am Anfang. In einer Vielzahl von Studien zeichnet sich ein Zusammenspiel ab, zwischen psychischen Problemen, wie Depression oder Angstzuständen, und einer Fehlbesiedelung des Darms.

So leiden beispielsweise Reizdarmpatienten häufig unter psychischen Problemen oder haben Depressive mit der Verdauung zu kämpfen. Der genaue Zusammenhang sowie Wechselwirkungen zwischen den Erkrankungen ist bis dato allerdings noch nicht geklärt.

Faszinierende Studien mit Mäusen lassen jedoch auf die Macht des Mikrobioms schließen: Mäuse, die Zeichen von Autismus zeigten, wurden durch Gabe bestimmter probiotischer Bakterien sozialer und weniger ängstlich. Und umgekehrt zeigten Mäuse, nachdem man ihnen das Mikrobiom depressiver Menschen eingepflanzt hatte, Anzeichen von Depression.

7. Psychobiotika

Während sich die Forschung an Mäusen nicht unmittelbar auf den Menschen übertragen lässt, sind auch Studien mit menschlichen Probanden vielversprechend. So konnte mehrfach die Psyche von Teilnehmern durch das Verabreichen von Probiotika – insbesondere der Gattungen Laktobakterien und Bifidobakterien – positiven beeinflusst werden. 

Beispielsweise berichteten 64% einer Gruppe von Reizdarmpatienten, die unter Angststörungen oder Depression litten, nach der sechswöchigen Einnahme des Probiotikums Bifidobacterium longum von einer Verbesserung ihrer psychischen Probleme. Wegen ihrer Wirkung auf die menschliche Psyche werden diese Arten von Probiotika als Psychobiotika bezeichnet.

Noch ist der genaue Zusammenhang zwischen Mikrobiom und psychischer Gesundheit unklar. Forscher sind sich jedoch einig, dass es günstig für uns ist, wenn möglichst viele unterschiedliche “gute” Bakterien in unserem Darm leben. Die Vielfalt der Bakterien können wir durch gesunde, abwechslungsreiche Ernährung, Vermeiden von Stress und die Einnahme von Probiotika unterstützen. 

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Quellen: 
  • Qinrui Li et al.: The Gut Microbiota and Autism Spectrum Disorders. Front Cell Neurosci. 2017; 11: 120.

  • Friedmann LS et al.: The Sensitive Gut. A Harvard Medical School Special Health Report, Harvard 2008. 

  • Pinto-Sanchez MI et al.: Probiotic Bifidobacterium longum NCC3001 Reduces Depression Scores and Alters Brain Activity: A Pilot Study in Patients With Irritable Bowel Syndrome. Gastroenterology. 2017 Aug;153(2):448-459.